Wer das Internet nach Joschi Sedlak absucht, gerät in ein Dilemma: Der Handwerker, der Fahrräder recyclet und daraus Kleiderbügel, Klopapierhalter und Hutständer bastelt, scheint mehrere Identitäten zu besitzen. Ein Gespräch zur Klärung

Joschi, was ist transrationale Friedensforschung?
Auf diesem Gebiet habe ich einen Masterstudiengang gemacht. Die Idee ist, dass man einerseits Handwerkszeug zu Friedensforschung bekommt, aber man braucht auch ein bestimmtes Bewusstsein: Wer ich bin im System? Was ist meine Geschichte? Was ist die Geschichte der Anderen? Nur so kann ich interagieren. Denn ich kann erst Frieden in der Welt schaffen, wenn ich Frieden in mir selber trage.

Was ist Schenk-Ökonomie?
Darüber habe ich einen Workshop am Solidarökonomiekongress in Wien geführt. Es ging darum, Alternativen zum klassischen Wirtschaftssystem des Geldes aufzuzeigen. Dass man zum Beispiel Waren nicht mit Geld bezahlt, sondern sie tauscht und schenkt.

Was ist Pioneers of Change?
Auch das ist ein Teil meines Ichs. Viele Leute wollen beitragen zu einer nachhaltigen und sozialen Welt, wissen aber nicht, wie sie das tun sollen. Ich begleite sie auf der Suche danach, was ihr Beitrag sein könnte und berate sie, wie man das finanziert, vermarktet oder ein Team zusammenstellt.

Wie viele Uniabschlüsse hast du?
Ich habe zwei Semester Wirtschaft studiert und es war furchtbar. Dann habe ich internationale Entwicklung studiert und einen Master gemacht, der einen derart langen Titel trägt, dass er sich super anhört: Peace Studies, conflict transformation, international relation and noch irgendwas.

Wie war Israel?
Super. Ich habe einen jüdischen Hintergrund und seit zehn Jahren hatte ich die Sehnsucht, nach Israel zu fahren. Ich bin drei Wochen dieser Sehnsucht gefolgt und habe versucht, das Land zu spüren. Es war eine verrückte Reise, weil ich einen Aspekt von mir selber besser verstanden habe.

Wo liegt St. Andrä-Wördern und was tust du da?
Die Ortschaft liegt zwanzig Kilometer Donau aufwärts von Wien entfernt, eine Stunde mit dem Fahrrad. Es ist ein kleines Dorf, wo es einen Schmied gibt, einen Messerschleifer, einen Bogenbauer, es gibt ein Selbsterntefeld, einen Waldkindergarten, einen Gemeinschaftsgarten. Ich habe dreissig Jahre in Wien gelebt und alle haben immer von St. Andrä-Wördern erzählt. Meine Freundin und ich wollten aus der Stadt raus und so kamen wir hierher.

Stimmt es, dass dein Projektpartner Stefan Novak ebenfalls kein Mechaniker ist, sondern Schauspieler der Theatergruppe Irrwisch, deren Motto „Glühende Menschenliebe mit dreister Frechheit“ lautet?
Das ist tatsächlich so. Die Schauspielerei ist seine Haupteinnahmequelle und er ernährt seit 25 Jahren seine Familie damit. Die Gruppe wird an die verrücktesten Orte eingeladen. Aserbaidschan zum Beispiel.

Hat er wirklich das erste links-rechts-Fahrrad gebaut, bei dem man den Lenker nach links dreht und das Fahrrad nach rechts fährt?
Er hat noch viele andere Fahrräder gebaut. Das links-rechts-Rad ist schwierig zu knacken. Es ist bar jeder Logik.

Du sagst, ihr würdet Fahrräder filetieren. In drei Sätzen: Was macht ihr genau?
Wir nehmen alte Fahrräder, die nicht mehr gebraucht werden, zerschneiden sie in Einzelteile wie der Metzger das Rind, und wir bauen neue Produkte für den Alltag daraus.

Welcher Körperteil des Fahrrads ist absolut unbrauchbar?
Es gibt Teile, die wir zur Seite legen, da wir noch keine Idee dafür haben. Das wären die Naben und die Speichen, oder auch die Pedallager. Aber wir schaffen es, etwa neunzig Prozent des Fahrrads wiederzuverwerten.

Hat es dir schon einmal das Herz gebrochen, ein Fahrrad zu zersägen?
Oh ja. Es war ein wunderschönes Rad, das verchromt war, mit gelben Lackierungen. Aus der Gabel habe ich eine Lampe gebaut. (Steht auf, geht zu einem Pult im Hintergrund und kommt mit der Lampe zurück.) Ich schaffte es dann nicht, diese Lampe zu verkaufen.

Wofür würdest du nie Geld ausgeben?
Freundschaft.

Was langweilt dich?
Gruppen, die sich gegenseitig immer die gleichen Geschichten erzählen. Dadurch entsteht eine Weltanschauung darüber, was sein darf und was nicht. Alle Offenheit und Inspiration geht verloren. Das langweilt mich furchtbar.

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