Tom Koch sucht Unterstützer für sein Buch. Es soll jene Spuren dokumentieren, die abmontierte Schriftzüge an Hauswänden in Wien hinterlassen. Ein kurzes Gespräch über Sammlergier, Ohrstöpsel und Gott.

Tom Koch sitzt in seinem Büro in Wien und schaut in die Kamera seines Computers. Viel lieber sässe er auf der Veranda, wo jetzt gerade die Sonne scheint. Er zündet sich eine Zigarette an.

Ist Renovation für dich ein scheusslicher Begriff?
Nein, Renovationen sind sicherlich notwendig.

Sammelst du Schriftzüge?
Ich bin kein Freund der Privatsammler. Wenn ein Sammler diese Schriftzüge kauft, verschwinden die für immer und ewig.

War früher alles schöner?
Es war sicher anders, aber die Schriften waren nicht zwingend schöner. Wenn man sich allerdings vor Augen führt, wie teuer so eine Produktion damals war, dann war sie doch deutlich ausgefeilter. Man hat die Schriften von Hand entworfen, was sie individueller machte.

Was machst du beruflich?
Ich bin Grafiker.

Ganz allgemein: Siebdruck oder digital?
Risographie. Das ist ein japanisches Druckverfahren aus den 80ern. Es ist wie Siebdruck ohne Sieb. Sieht unglaublich aus.

Dein erstes Grafik-Erlebnis?
Ich hatte eine Freundin, die eine Grafik-Ausbildung gemacht hatte, und irgendwann fiel mir auf, dass ich fast alle ihre Arbeiten machte und ihr Ideen lieferte. Und dann habe ich das auf dem zweiten Bildungsweg studiert. Ich war damals bei der Armee und da gab es so ein Resozialisierungsprogramm, wo man Zeit bekam für einen zweiten Bildungsweg. Nach der Ausbildung habe ich mich sofort selbständig gemacht, noch ohne einen einzigen Kunden zu haben. Ich wollte nicht in einer Agentur arbeiten. Das ist jetzt 20 Jahre her.

Welches ist die tollste Schriftart, die man in Microsoft Word anwählen kann?
Da gibt’s nicht wirklich eine.

Helvetica steht doch immer wieder auf Platz 1 der besten Schriften aller Zeiten.
Sogar einen Film gibt es über diese Schrift, der dauert eineinhalb Stunden. Helvetica ist sicher eine der gebräuchlichsten Schriften der Welt. Und es ist erstaunlich, wie viele sehr bekannte Brands mit einer solch klassischen Schrift Identität schaffen. Ich würde sie nicht als beste Schrift der Welt klassifizieren, aber es ist eine sehr brauchbare Schrift, die sich sehr zurücknimmt.

Wer ist der Typographie-Gott? 
Das kommt auf die Epoche an. Zu Beginn der breiten Computerisierung waren die ersten digitalen Typo-Stars Neville Brody in England und David Carson in den USA. Carson war ganz radikal und hat mit vielen Regeln gebrochen.

Kannst du in wenigen Worten erklären, warum sich das Wien Museum für dein Projekt interessiert?
Wir hatten vor drei Jahren hier in Wien eine Aktion, die sich „Typographien in der Stadt“ nannte und sehr ähnlich funktionierte wie nun Ghostletters. Da es damals so gut gelaufen war, war das Museum auch jetzt bereit, wieder etwas in dieser Richtung zu machen.

Du wirst von Bank Austria Kunstpreis unterstützt – überrascht dich dieses Interesse am Projekt?
Wir waren auch auf ORF, und dreissig Minuten nach der Sendung kamen die ersten Reaktionen: Leute schrieben mir, wo es noch überall Ghostletters gab, die mich interessieren könnten. Ich hatte ursprünglich gedacht, für dieses Buch würden sich nur Grafiker interessieren, aber nun zeigt sich, dass viele Leute das mögen, da sie jahrelang beim Einkaufen an diesen Überbleibseln einer vergangenen Zeit vorüber gingen und sie auch weiter anschauen möchten. Das Projekt hat auch einen nostalgischen Aspekt.

Wie viele Ghostletters hast du gesehen, bis du auf die Idee mit dem Buch kamst?
Ich kam vergangenen Januar aus Asien zurück und an meinem ersten Tag im Büro war draussen ein wunderschöner sonniger Tag. Ich ging dann eine Runde spazieren, hatte aber ein schlechtes Gewissen, dies ohne Grund zu tun und nahm daher meine Kamera mit. Ich fotografierte einige Ghostletters, die ich früher schon gesehen hatte. Die habe ich auf Facebook gepostet und hatte innert kürzester Zeit hundert Likes. Da habe ich gedacht: Das könnte die Leute interessieren.

Wie lange arbeitest du schon daran?
Ein halbes Jahr. Am 20. Oktober ist Buchpräsentation. Das ist ein ziemlich schnelles Buch.

Wie viele Gratis-Stunden?
Unglaublich viele.

Wie kannst du dir das leisten?
Meine Steuerberaterin ist nicht gerade glücklich. Ich setze dieses Jahr unter das Motto dieses Buches. Wenn ich die Produktionskosten nicht drauflegen muss, bin zumindest ich glücklich.

Ist dein Projekt Kunst oder eine Art Archäologie?
Am ehesten geht es in Richtung Gesellschaft. Ich wollte das Bewusstsein für diese Schriften schaffen. Und ich glaube, das ist mir gelungen, denn die Leute schauen jetzt hin.

Kaufst du dir vor Weihnachten tatsächlich Ohrstöpsel, damit du die schrecklichen Weihnachtslieder nicht hören musst?
Ich habe kein Auto und kein Radio, ich habe nichts zu leiden. Aber jedem, der diesen Liedern ausgesetzt ist, empfehle ich, Ohrstöpsel zu kaufen.

Was hat das mit B-Tight oder Huhnmensch & der böse Wolf auf sich?
Ich mache nebenbei schon sei vielen Jahren die Monatsplakate für den Club B72 in Wien. Und da wundere ich mich immer wieder über die Namen, die Bands heutzutage tragen. Zum Beispiel eben Huhnmensch & der böse Wolf.

DAS PROJEKT BEI WEMAKEIT

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